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Module und Projekte

Lehrlingsselektion in kleinen und mittleren Betrieben (KMU) – Integration und Ausschluss beim Übergang von der Schule in die Berufslehre

Urs Haeberlin

Zusammenfassung der wichtigsten Resultate (Auszug aus dem Schlussbericht)

Nach welchen Selektionsnormen vergeben kleine und mittelgrosse Betriebe ihre Lehrstellen? Mit einem interviewbasierten Forschungsansatz wurde untersucht, welche betrieblichen Logiken der Vergabe von Ausbildungsplätzen zugrunde liegen und wie die Bewerbermerkmale Geschlecht und Nationalität sowie die Schulbiografie für die Selektionspraxis der Betriebe relevant werden. Dazu wurden Bewerbungen von Lehrstellensuchenden verfolgt, die sich im Schuljahr 2004/2005 erfolglos auf Berufslehren als Autolackierer/-in, Automonteur/-in, Automechaniker/-in, Schreiner/-in, Dentalassistent/-in, Medizinische(r) Praxisassistent/-in und als Kauffrau bzw. Kaufmann in KMU beworben hatten. Die parallelen Bewerber- und Betriebsstichproben umfassten 67 KMU und 89 Bewerberinnen und Bewerber. Daneben wurden 14 weitere Lehrfirmen untersucht (total N = 81 Betriebe). Die Daten aus den Experteninterviews mit den betrieblichen Selektionsverantwortlichen wurden argumentationsanalytisch ausgewertet. Damit wurde ein möglichst differenziertes Bild der Selektionsrealitäten nachgezeichnet.
Die Selektionsverfahren und -kriterien in den untersuchten Betrieben haben sich als uneinheitlich erwiesen. Sie unterscheiden sich nicht nur innerhalb einer Branche, sondern oft auch innerhalb der einzelnen Betriebe voneinander. Entsprechend gibt es keine verallgemeinerbaren "Killerkriterien" der Selektion. Angemessener lässt sich die Bedeutung einzelner Auswahlkriterien im wechselseitigen Zusammenhang mit dem Bild eines Mosaiks beschreiben. Schliesslich dient ein Geflecht vielfältiger Kriterien dazu, eine Selektion zu begründen. Die bildungsstatistisch bekannten geschlechts- und herkunftsspezifischen Unterschiede in der Besetzung von Ausbildungsplätzen finden ihre Erklärung nicht in einer betrieblichen Selektion nach Unterschieden der berufsrelevanten Kompetenzen von Bewerberinnen und Bewerbern. Analysen der Unterschiede am Beispiel des betrieblichen Ausländerausschlusses verweisen vielmehr auf Vermutungen und Ängste, welche die Lehrlingsauswahl massgeblich mitstrukturieren. Die generalisierende Vermutung betrieblicher Probleme bei bestimmten Bewerbergruppen (beispielsweise bei männlichen Bewerbern in privaten Zahnarzt- und Arztpraxen oder bei "ausländischen" Bewerbern im Allgemeinen) erfolgt relativ unabhängig von deren individueller Kompetenzausstattung. Der Ausschluss von "Ausländern" wird in der Öffentlichkeit kaum je mit den rekonstruierten betrieblichen Befürchtungen begründet. Sondern es werden meist pauschal verallgemeinerte Zuschreibungen gemacht, die im Einklang mit der weit verbreiteten Leistungsideologie des Bildungswesens stehen (v. a. "sprachliche und schulische Defizite"). Unsere Untersuchungen zeigen jedoch, dass die schulischen Leistungen für die betriebliche Selektion im (Klein-)Gewerbe nicht von der vermeintlichen vorrangigen Bedeutung sind.

Unsere Forschungsergebnisse ermöglichen Empfehlungen zur Verhinderung des Ausschlusses von benachteiligten Bewerbergruppen bei der Lehrstellenvergabe:

- Gezielte Beförderung betriebseigener Facharbeiter mit Benachteiligungshintergrund (z. B. mit Migrationserfahrung) zu Ausbildungsverantwortlichen.
- Schaffung niederschwelliger betrieblicher Praktikumsplätze für Benachteiligte, um deren Potenzial zu erkennen.
- Weiterbildung der Ausbildungsverantwortlichen (Berufsbildner) mit folgenden Zielen: (1) Abbau betrieblicher Ängste durch Auseinandersetzung mit positiven Gegenbildern von erfolgreichen benachteiligten Jugendlichen. (2) Entwicklung einer betrieblichen Kultur der Selbstreflexion hinsichtlich der eigenen Selektionstätigkeiten.
- (Sonder-)Schulen sollen vermeiden, Schüler mit speziellem Förderbedarf als solche zu etikettieren. Die erforderliche pädagogische Förderung soll möglichst unerkannt erfolgen. Integrative Schul- und Unterrichtsformen eignen sich in besonderem Mass dazu.
- Neuausrichtung von Überbrückungsangeboten zwischen Schule und Berufsbildung: Etablierung von Institutionen, die sich als Vermittler zwischen benachteiligten Jugendlichen und (potenziellen) Ausbildungsbetrieben verstehen.
- Vermehrte Institutionalisierung niederschwelliger Ausbildungsmöglichkeiten (Attestausbildungen).
- Konsumenten des Kleingewerbes können kraft ihrer Kaufmacht die Lehrlingsauswahl in den Ausbildungsbetrieben thematisieren und diese unter Rechtfertigungsdruck setzen.
- Unternehmer und Geschäftspartner können ihre Geschäftsbeziehungen nutzen, um bei den Geschäftspartnern Bedingungen einer fairen Lehrlingsauswahl einzufordern.
- Berufs- und Branchenverbände können Anerkennungsscheine an Betriebe vergeben, die aktive Bemühungen um die Ausbildung Benachteiligter zeigen.
- Bezugspersonen sollen bei der Lehrstellensuche erfolglose Jugendliche davor schützen, die Erklärung des Misserfolgs hauptsächlich sich selbst zuzuschreiben. Benachteiligte Jugendliche müssen bei ihren Bewerbungsbemühungen zum Teil über Jahre unterstützt werden (u. a. finanziell, beratend, therapeutisch).

Allerdings ist bei der Einordnung dieser Empfehlungen zu bedenken, dass im Fall eines Nullsummenspiels auf dem Lehrstellenmarkt, das heisst bei einem konstanten Unterangebot von Ausbildungsplätzen, die Integration Benachteiligter immer auf Kosten irgendwelcher Betroffener (neuer Benachteiligter) geht.

Zusätzliche Informationen zum Projekt

Untersucht werden die angewandten Argumentationsweisen bei der Lehrlingsselektion in Klein- und Mittelbetrieben (KMU). Die Studie soll den Eingangsbereich in die duale Berufsbildung aus einer betrieblichen Perspektive theoretisieren und für integrationsfördernde Massnahmen sensibilisieren.

Hintergrund
Schulqualifikationen und soziale Beziehungsnetze erklären nur beschränkt, weshalb jemand eine Lehrstelle erhält. Auch wenn diese Faktoren berücksichtigt werden, lassen sich beträchtliche Chancenungleichheiten nach Geschlecht und Herkunft bei der Lehrstellensuche konstatieren. Ein erfolgreicher Eintritt in eine Berufsausbildung ist für die berufliche und gesellschaftliche Integration zentral. Obschon eine Mehrheit der Jugendlichen in KMU ausgebildet wird, überrascht, dass es kaum Untersuchungen zu den entsprechenden Selektionsmechanismen gibt.

Ziel und Vorgehen
Aus Argumentationsanalysen soll auf betriebliche Normen bei der Lehrlingsselektion in KMU geschlossen werden. Damit verbunden ist die Absicht, die bildungsstatistisch nachweisbaren Effekte der Lehrlingsselektion aus einem betrieblichen Zugang heraus besser zu verstehen. Es soll zudem die Frage geklärt werden, welchen Stellenwert tiefe schulische Formalqualifikationen für die Selektion der Lehrlinge haben. Die Selektionsrealitäten in KMU werden mit einem kombinierten Aspiranten- und Betriebsdatensatz analysiert. Damit ist es möglich, individuelle und betriebliche Daten aufeinander zu beziehen. Empirische Grundlage der Argumentationsanalysen werden Texte aus Experteninterviews mit Lehrlingsverantwortlichen bilden.

Bedeutung
Die Untersuchung theoretisiert den Eingangsbereich in die duale Berufsausbildung aus einem betrieblichen Zugang heraus. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht handelt es sich um einen wichtigen Beitrag für ein besseres Verständnis der Lehrlingsselektion im Anschluss an die Volksschule. Der individuumzentrierte Diskurs in Forschung und Öffentlichkeit, der die Lehrlingsselektion jeweils am Beispiel von Grossunternehmen thematisiert, soll mit einem organisationszentrierten Gegendiskurs ergänzt werden, der die Aufmerksamkeit auf die Selektionsrealitäten in KMU verschiebt. Von den Ergebnissen werden Hinweise darauf erwartet, wie in Zukunft das selektive Eingangstor der betrieblichen Ausbildung für integrationsfördernde Massnahmen sensibilisiert werden könnte.

Proposal no. 405140-69088

Bewilligtes Projekt CHF 286'870.-

Projektdauer 01.12.2003-30.11.2006

Prof. Urs Haeberlin
Heilpädagogisches Institut
Universität Freiburg
Petrus-Kanisius-Gasse 21
1700 Fribourg
Tel. +41 (0)26 300 77 05
urs.haeberlin@unifr.ch
www.lehrlingsselektion.info

Further contact person
Dr. Christian Imdorf
Laboratoire d¹Economie et de Sociologie du Travail
35 Avenue Jules Ferry
F-13626 Aix en Provence cedex
Telefon +33 (0) 4 42 37 85 00 (centrale)
Telefax +33 (0) 4 42 26 79 37
christian.imdorf@unibas.ch
www.lehrlingsselektion.info

Publikationen

Kurzbericht in Deutsch, Französisch und Italienisch
http://www.lehrlingsselektion.ch/publikationen.html

Imdorf, Ch. (2007). Wirtschaftliche Interessen vor schulischen Kompetenzen - Die Lehrlingsauswahl kleinerer Betriebe ist in der Schweiz uneinheitlich
SNF_NFP51Lehrlingsselektion_0313_d.pdf (77 KB)

Imdorf, Ch. (2006). Der Ausschluss ‚ausländischer’ Jugendlicher bei der Lehrlingsauswahl. Ein Fall von institutioneller Diskriminierung? Working paper.
Imdorf_DGS06.pdf (280 KB)

Imdorf, Ch. (2006). The selection of trainees in small and medium-sized enterprises. Integration and exclusion of immigrant youth at the transitional stage between school and vocational training in Switzerland. Working paper.
ISA_Durban06_Imdorf.pdf (1,4MB)

Imdorf, Christian (2005), Lehrlingsselektion in kleinen und mittleren Betrieben (KMU), in: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete, 74, Bd. 1, S. 53-54

Imdorf, Christian (2004), Geschlechtsspezifische Selektion bei der Ausbildungsplatzvergabe, in: Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (Hrsg.), Achtung Gender. Ausbildungsverhalten von Mädchen und jungen Frauen: Trends und Tipps, SVB, Zürich, S. 99-112

Imdorf, Ch. (2008). Der Ausschluss "ausländischer" Jugendlicher bei der Lehrlingsauswahl - ein Fall von institutioneller Diskriminierung? In: K.-S. Rehberg (Hg.), Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006 (CD-ROM). Frankfurt a.M.: Campus.

Imdorf, Ch. (2007). Individuelle oder organisationale Ressourcen als Determinanten des Bildungserfolgs? Organisatorischer Problemlösungsbedarf als Motor sozialer Ungleichheit. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 33(3), S. 407-424.

Imdorf, Ch. (2007). Weshalb ausländische Jugendliche besonders grosse Probleme haben, eine Lehrstelle zu finden. In: Hans-Ulrich Grunder & Laura von Mandach (Hrsg.): Auswählen und ausgewählt werden. Integration und Ausschluss von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Schule und Beruf. Zürich: Seismo, 100-111.

Imdorf, Ch. (2007). Die relative Bedeutsamkeit von Schulqualifikationen bei der Lehrstellenvergabe in kleineren Betrieben. In: Th. Eckert (Hrsg.): Übergänge im Bildungssystem. Münster: Waxmann, 183-197.

Imdorf, Ch. (2007). Die Bedeutung sonderpädagogischer Bildungstitel bei der Lehrstellenvergabe in KMU. Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete, 76(2), 165-167.

Imdorf, Ch. (2007). Männliche Praxisassistenten: Ärzte und Zahnärzte fühlen sich bedroht. In: Schweizer Monatsschrift für Zahnmedizin 3/2007, 292-293

Imdorf, Ch. (2007). Warum Lehrbetriebe ausländische Jugendliche meiden. In: Panorama 2/2007, 29-30.

Imdorf, Ch. (2007). Weshalb Lehrbetriebe keine "ausländischen Jugendlichen" ausbilden wollen. In: Tangram 19, S. 32-35

Imdorf, Ch. (2007). Nicht die Besten, sondern die Unauffälligen sind gefragt. In: ZeSo 2/2007, S. 28-29.

Imdorf, Ch. (2006). Forschungsprojekt "Lehrlingsselektion in klein- und mittelgrossen Unternehmen" - Beitrag für ein besseres Verständnis des problematischen Übergangs von der Schule in die Berufslehre von Jugendlichen mit sonder- und heilpädagogischen Schulabschlüssen. In: Berufsverband der Heilpädagogen e.V. (Hg.): Internationaler Kongress für Heilpädagogik - Zum aktuellen Stand von Praxis, Forschung und Ausbildung (Kongressbericht 2005). Berlin: BHP Verlag, S. 222-228.

Imdorf, Ch. (2005). Lehrlingsselektion in kleinen und mittleren Betrieben (KMU). In: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete 74(1), 53-54.

Imdorf, Ch. (2004). Geschlechtsspezifische Selektion bei der Ausbildungsplatzvergabe. In: Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (Hrsg.). Achtung Gender. Ausbildungsverhalten von Mädchen und jungen Frauen: Trends und Tipps. Zürich: SVB, 99-112.

Imdorf, Ch. (2007). Assistants de cabinet de sexe masculin: Les médecins et les médecins-dentistes se sentent menacés. In: Revue mensuelle suisse d'odontostomatol 3/2007, 332-333

Imdorf, Ch. (2007). Pourquoi les entreprises formatrices hésitent-elles à engager des jeunes étrangers? In: Panorama 2/2007, 27-28.

Imdorf, Ch. (2007). On ne demande pas les meilleurs, mais les discrets. In: ZeSo 2/2007, p. 28-29

Imdorf, Ch. (2004). La sélection fondée sur le genre dans l'attribution des places de formation. In: Conférence Suisse des Déléguées à l'Egalité (Hrsg.). Le genre en vue. Les filles et les jeunes femmes face à la formation: Pistes et tendances. Lausanne: ASOSP, 107-120.

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