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Module und Projekte Der Weg zur Integration? Die Rolle der selbständigen Erwerbstätigkeit von Migrantinnen und Migranten in der Schweiz (Acronym: EthnicBusiness) Christian Suter, Renate Schubert, Anne Juhasz Zusammenfassung der wichtigsten Resultate (Auszug aus dem Schlussbericht) Untersucht wurde, inwiefern die selbständige Erwerbstätigkeit von Migrant/innen Integrations- bzw. Ausschlussprozesse befördert oder behindert. Das Forschungsinteresse galt zwei zentralen Fragen: Erstens ging es darum, die Gründe, die zur Aufnahme einer selbständigen Erwerbstätigkeit führen, zu analysieren. Sind es Ausschlussprozesse (z.B. ökonomische), die zu einer Unternehmensgründung führen, oder handelt es sich um einen Ausdruck sozialer Integration, welcher es ermöglicht, die vorhandenen Möglichkeiten zum eigenen Vorteil zu nutzen? Zweitens wurde untersucht, welche Folgen sich aus der Gründung eines eigenen Unternehmens für die Betroffenen und ihr Umfeld ergeben. Kann eine Unternehmensgründung Integrationsprozesse initiieren, und wenn ja, wie verlaufen diese? Da angenommen wurde, dass sowohl geschlechtsspezifische als auch generationenspezifische Unterschiede in Bezug auf Integrationsprozesse bestehen, sind diese beiden Aspekte vertieft untersucht worden. Das Forschungsvorhaben verknüpfte quantitative und qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung, wobei drei unterschiedliche, sich ergänzende Verfahren der Datenerhebung und Datenanalyse gewählt wurden. In einem ersten Teil wurden anhand einer statistischen Auswertung von aktuellen Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung die wichtigsten Merkmale der selbständigen Erwerbstätigkeit in der Schweiz erfasst. Es ging hier darum, die Charakteristika der ausländischen Selbständigen mit jenen von Schweizer Selbständigen bzw. angestellten Ausländer/innen zu vergleichen (quantitative Datenerhebung und -analyse). In einem zweiten Teil wurden biographische Interviews mit selbständigen Migrant/innen sowie mit selbständig Erwerbenden der zweiten Ausländergeneration durchgeführt. Es wurden zu gleichen Teilen Frauen und Männer und Angehörige der ersten und der zweiten Generation befragt, die italienischer, türkischer, «ex-jugoslawischer» bzw. tamilischer Herkunft sind (qualitative Datenerhebung und -analyse). Der dritte Teil schliesslich besteht in einer Analyse der Netzwerke selbständig erwerbstätiger Migrant/innen. Anhand dieser Netzwerkanalyse wurde untersucht, inwiefern soziales Kapital zur Unternehmensgründung beiträgt und wie sich die Gründung eines Unternehmens auf die soziale Einbettung der selbständig erwerbstätigen Migrant/innen auswirkt (mixed design). Die Auswertung der statistischen Daten zeigt drei unterschiedliche Muster von Zusammenhängen zwischen ökonomischer Selbständigkeit und Integrations- bzw. Ausschlussprozessen. Bei Migrant/innen aus Südeuropa dominiert das Muster der Selbständigkeit als Weg zur Integration, bei Personen aus osteuropäischen Ländern als Segregation und «Unterschichtung», bei Personen aus Nord- und Westeuropa sowie Angehörigen der zweiten Generation findet sich schliesslich das Muster der Selbständigkeit als «Überschichtung». Diese Unterschiede widerspiegeln die Heterogenität der Population der Migrant/innen in der Schweiz. Sie weisen darauf hin, dass der Einwanderungszeitpunkt und damit das «Alter» einer Community, aber auch Einwanderungsmotive und strukturelle Merkmale der Migrant/innen einen wichtigen Einfluss darauf haben, welches Muster wirksam wird. Anhand biographischer Interviews wurde rekonstruiert, wie im Einzelfall Integrations- und Ausschlussprozesse verlaufen und welche Bedeutung dabei den individuellen Ressourcen der Befragten zukommt. Insgesamt kann festgehalten werden, dass sich in der Schweiz vorwiegend jene Migrant/innen selbständig machen, die im Vergleich zu anderen Migrant/innen über grössere Ressourcen verfügen. Soziales Kapital in Form «schweizerischer Ressourcen» und biographisches Kapital als Summe aufgeschichteter Erfahrungen sind dabei für den Schritt in die Selbständigkeit ebenso bedeutsam wie kulturelles und ökonomisches Kapital. Schweizerische Ressourcen haben sich in allen drei Teilprojekten als entscheidend für den Schritt in die Selbständigkeit erwiesen. Die hohe Relevanz schweizerischer Ressourcen und die eher geringe Bedeutung dessen, was üblicherweise «ethnische» Ressource genannt wird, sind überraschend und stehen im Widerspruch zu Forschungsergebnissen aus anderen Ländern. Dieses Resultat zeigt, dass in der Schweiz keine «ethnische Ökonomie» wie etwa in den USA oder Kanada existiert. Dies kann damit erklärt werden, dass hierzulande bis anhin institutionelle Hürden den Weg in die Selbständigkeit für Migrant/innen erschweren und schweizerische Ressourcen hilfreich und notwendig sind, um diese Hürden zu überwinden. Ein weiteres Resultat unserer Untersuchung besteht in dem Nachweis, dass selbständig erwerbstätige Migrant/innen durch ihre unternehmerische Tätigkeit eine wichtige Rolle in Integrationsprozessen übernehmen und gewissermassen als Scharnier zwischen «Etablierten» und «Aussenseitern» fungieren. Die Unternehmer/innen unterhalten einerseits Kontakte zu «etablierten» Schweizer/innen und andererseits Beziehungen zu vielen anderen Migrant/innen, die über weniger Ressourcen verfügen als sie selbst und zu einem späteren Zeitpunkt in die Schweiz migriert sind. Als Arbeitgeber/innen stellen die selbständig erwerbstätigen Migrant/innen Arbeitsplätze zur Verfügung und ermöglichen damit «Co-Ethnics», d.h. Personen ihrer eigenen Herkunftsgruppe, die auf dem «offenen» Arbeitsmarkt nur geringe Chancen haben, eine Existenzsicherung. Als Synthese lässt sich festhalten, dass in allen drei Teilprojekten Unterschiede nach Geschlecht und Generationenzugehörigkeit nachgewiesen werden konnten. So wählen Frauen – anders als Männer – die Selbständigkeit oft deshalb, weil sie Beruf und Familie besser vereinbaren möchten. Zudem zeigen unsere Auswertungen, dass die geschlechtsspezifische Segregation bei selbständig Erwerbstätigen unterschiedlich stark ausgeprägt ist: Während sie in unteren Positionen des sozialen Raums unter den Selbständigen geringer ist als unter den Angestellten, ist es in oberen Positionen genau umgekehrt. Was Unterschiede in der Selbständigkeit nach Generationenzugehörigkeit anbelangt, zeigen unsere Ergebnisse, dass die Kinder der ehemaligen Gastarbeiter sich in anderen Bereichen selbständig machen als die Generation ihrer Eltern. Sie finden sich vermehrt in Branchen wie etwa der Informatik, die eine hohe Ausbildung erfordern und prestigeträchtiger sind als die Bereiche, in welchen die erste Generation tätig ist. Angehörige der zweiten Generation integrieren zudem mehr schweizerische Ressourcen in ihre sozialen Netzwerke als die Generation ihrer Eltern. Gleichzeitig greifen sie für die Vermarktung ihrer unternehmerischen Tätigkeit gerne auf «Ethnizität» als Symbol und kulturelles Kapital zurück. Folgende Empfehlungen ergeben sich aufgrund unserer Ergebnisse: Wir schlagen Massnahmen vor, welche den Zugang zu oben genannten «schweizerischen Ressourcen» und zu sozialem Kapital im Allgemeinen vereinfachen. Dazu gehören die Öffnung der Gewerbeverbände gegenüber ausländischen Selbständigen und die Förderung der Selbstorganisation von Unternehmer/innen. Was die «Scharnierfunktion» der ausländischen Selbständigen in Integrationsprozessen angeht, halten wir nach Gesprächen mit Expert/innen aus der Praxis eine staatliche Unterstützung dieser Rolle für kontraproduktiv. Auch soll ausdrücklich davor gewarnt werden, Migrant/innen in eine Selbständigkeit zu drängen. Jenen aber, die bereits selbständig erwerbstätig sind, sollte durch vermehrte Öffentlichkeitsarbeit mehr Anerkennung für ihre wichtige wirtschaftliche und soziale Leistung gezollt werden. Zusätzliche Informationen zum Projekt Das Projekt geht der Frage nach, inwiefern die selbständige Erwerbstätigkeit von Personen ausländischer Herkunft Integrations- bzw. Ausschlussprozesse fördert oder behindert. Untersucht werden die Gründe, die zur Aufnahme einer selbständigen Erwerbstätigkeit führen, und die Folgen, die sich daraus ergeben.
Hintergrund
Ziel und Vorgehen
Bedeutung Proposal no. 405140-69098 Bewilligtes Projekt CHF 250'000.- Projektdauer 01.07.2003-31.07.2006
Prof. Christian Suter
Prof. Renate Schubert
Dr. Anne Juhasz Publikationen Hettlage, Raphaela (2005), Von Gastarbeiterinnen zu Gründerinnen: Migrantinnen als Unternehmerinnen in der Schweiz, in: Michaela Fenske und Tatjana Eggeling (Hrsg.), Geschlecht und Ökonomie: Beiträge der 10. Arbeitstagung der Kommission für Frauen- und Geschlechterforschung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, Göttingen, Schmerse Verlag, S. 97-118
Juhasz, Anne (2005), Autonomie und Risiko statt Unsicherheit. Die selbständige Erwerbstätigkeit als Weg zur Bearbeitung biographischer Unsicherheiten in der Migration, in: sozialersinn, 6, 1, S. 93-109
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