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Module und Projekte

Die Durchsetzung des unternehmerischen Selbst. Integration und Ausgrenzung in Unternehmen und sozialstaatlichen Programmen

Eva Nadai, Christoph Maeder, Thomas Samuel Eberle

Zusammenfassung der wichtigsten Resultate (Auszug aus dem Schlussbericht)

In Marktgesellschaften ist der Zugang zum Arbeitsmarkt eine zentrale Voraussetzung für ökonomische und damit indirekt auch für soziale Integration. Deshalb fokussiert unsere Studie die soziale Organisation von Integration und Ausschluss in Bezug auf den Arbeitsmarkt. Wir verstehen Ausschluss als einen Prozess, der seinen Ursprung "im Zentrum" der Gesellschaft hat. Folglich richten wir unseren Blick gleichzeitig auf das "Drinnen" und "Draussen" des Arbeitsmarkts: auf den Umgang von Unternehmen mit nicht genügend leistungsfähigen (also ausschlussgefährdeten) Mitarbeitenden sowie auf Programme zur Wiedereingliederung von Erwerbslosen. Empirisch umfasst das Projekt ethnographische Fallstudien in drei Unternehmen (multinationaler Konzern, Detailhandelskonzern, Bank) und in drei Beschäftigungsprogrammen für Erwerbslose (Werkstatt, Übungsfirma, Motivationssemester für Jugendliche). Mit der ethnographischen Analyse von Organisationspraktiken möchten wir aufzeigen, dass Ausschluss nicht einfach so "geschieht", sondern eine geregelte Form von Arbeit darstellt. Die ideologische Basis dafür ist die Norm des "unternehmerischen Selbst", das sein ganzes Leben nach den Imperativen des Marktes ausrichtet, um so die eigene "Beschäftigungsfähigkeit" zu sichern.

In der Wirtschaft wird Beschäftigungsfähigkeit mit Leistung gleichgesetzt. Dabei gelten jenseits unternehmensspezifischer Differenzen einige gemeinsame Grundannahmen. Leistung wird als eine objektiv messbare Grösse betrachtet, die sich aus Aufwand und Resultat sowie Verhalten zusammensetzt. Faktisch ist die Leistungsbeurteilung ein Ergebnis institutionalisierter Aushandlungen zwischen Mitarbeitenden und Vorgesetzen. Weil Leistung selten eindeutig bestimmbar ist, ist das Mitarbeitergespräch eine entscheidende Arena, um die eigene Leistung ins rechte Licht zu rücken, und die Fähigkeit zum Selbstmarketing wird eine immer wichtigere Anforderung im Arbeitsmarkt. Schlechte Leistung führt nicht zwingend zur Entlassung. Die Techniken im Umgang mit "ungenügenden" Mitarbeitenden fallen in drei Kategorien. Schulung, Coaching, Disziplinierung u.ä. zielen auf eine Verbesserung der Person: auf die Steigerung ihrer Arbeitsfähigkeit und/oder willigkeit. Veränderungen des Umfelds sollen eine bessere Abstimmung der Person mit ihrem sozialen Kontext erreichen (z.B. durch interne Versetzung, Teamentwicklung). Statuswechsel wie Rückstufung, Frühpensionierung, Entlassung stellen einen Teil- oder vollständigen Ausschluss aus dem Unternehmen dar. Integration und Ausschluss sind also keine sich wechselseitig ausschliessende Gegensätze. Individuelle Entlassungen aus reinen Leistungsgründen scheinen eher selten zu sein. Der Bezug auf (mangelnde) Leistung dient aber dazu, strukturellen Wandel wie Stellenabbau oder eine Steigerung der Leistungsanforderungen, die zum Verschwinden wenig qualifizierter Jobs führt, zu legitimieren und dem Individuum als persönliches Versagen anzurechnen.

Beschäftigungsprogramme im Rahmen der Arbeitslosenversicherung basieren auf dem Aktivierungsprinzip: Arbeitslose sollen nicht "passiv" ihre Versicherungsleistung beziehen, sondern sich aktiv um die eigene Beschäftigungsfähigkeit bemühen. Dahinter steckt ein Modell des Arbeitslosen als kontextfreier ökonomischer Akteur, dessen Problem einzig darin besteht, keine Stelle zu haben. In der Realität ist Arbeitslosigkeit oft verknüpft mit persönlichen und sozialen Problemen und einem Mangel an vermarktbaren Ressourcen. Integrationsprogramme sind in einem Dilemma zwischen einer ökonomischen Logik der Ausrichtung am Markt und einer Logik der Fürsorge gefangen. Anstelle "echter" Berufserfahrung können sie nur eine Simulation des Arbeitsmarkts bieten, weshalb die Teilnahme an einem Programm auch kein überzeugender Nachweis der Beschäftigungsfähigkeit darstellt. Zudem vermitteln die Programme keine neuen Qualifikationen, sondern beschränken sich primär auf Selbstmarketingtechniken für die Stellensuche. Das hilft insbesondere Arbeitslosen mit geringen sozialen und kulturellen Ressourcen wenig. Das Modell des kompetenten ökonomischen Akteurs führt weiter dazu, dass die Programme explizit keine Sozialarbeit oder andere Formen sozialer Unterstützung leisten. Die Ausblendung nicht direkt arbeitsbezogener Probleme behindert indes die Integration und kann in gewissen Fällen den sozialen Ausschluss noch beschleunigen. Auch im Sozialbereich begünstigt die Norm des unternehmerischen Selbst die Individualisierung struktureller Probleme des Arbeitsmarkts und stigmatisiert diejenigen, die keine Stelle finden als "nicht beschäftigungsfähig".

Beschäftigungsprogramme haben dennoch positive Seiten: Sie bieten eine Zeitstruktur, Kontakte mit Schicksalsgenossen, Anerkennung und professionelle Unterstützung bei der Stellensuche. Damit diese Programme ihrem Zielpublikum mehr nützen, sind jedoch Verbesserungen nötig. Erstens müssen die Bedürfnisse der Teilnehmenden ernst genommen werden. Eine realistische Einschätzung der Lebenssituation der Klientel führt zwingend zur Anerkennung der Notwendigkeit sozialer Unterstützung. Allfällige soziale und persönliche Probleme der Erwerbslosen müssen professionell bearbeitet werden. Zweitens müssen die zu "aktivierenden" Betroffenen eine echte Mitsprache bei der Formulierung von Zielen, Prioritäten und Massnahmen haben. Die Teilnahme muss freiwillig sein, denn ohne die Kooperation der Betroffenen kann Integration nicht funktionieren. Diese Mitwirkung kann nur erreicht werden, wenn die Erwerbslosen in die Entscheidungen über ihr Leben einbezogen werden. Schliesslich dürfen sich Beschäftigungsprogramme nicht darauf beschränken an Bewerbungstechniken herumzufeilen, sondern müssen die beruflichen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Teilnehmenden verbessern.

Zusätzliche Informationen zum Projekt

Das Projekt untersucht Integrations- und Ausgrenzungspraktiken an der Schnittstelle von Wirtschaft und Sozialwesen: Wie gehen Unternehmen mit Mitarbeitenden um, die sie als zu wenig leistungsfähig einschätzen? Und wie versuchen Beschäftigungsprogramme, Arbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren?

Hintergrund
Der verschärfte Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt führt zu mehr Leistungsdruck und höheren Anforderungen an die Arbeitnehmenden. Nicht alle sind diesen Anforderungen gewachsen. Zudem bringt der Strukturwandel der Wirtschaft den Abbau von Arbeitsplätzen und Arbeitslosigkeit mit sich. Das stellt sowohl für die Wirtschaft wie für den Staat eine Herausforderung dar: Wie sollen wir mit jenen umgehen, die am Arbeitsplatz und im Arbeitsmarkt nicht mehr mithalten können? Und wie können wir die Arbeitslosen wieder in den Arbeitsmarkt eingliedern?

Ziel und Vorgehen
In diesem Projekt werden Begriffe wie Integration und Ausgrenzung aus der Nähe betrachtet und unter dem Aspekt von Arbeit behandelt: Welche Techniken, Prozeduren und Kriterien werden in Wirtschaft und Sozialbereich zur Beurteilung und Platzierung von Arbeitnehmenden bzw. Erwerbslosen verwendet und wie werden sie gerechtfertigt? Welche Instanzen und Personen sind an Ausgrenzungs- und Integrationsprozessen beteiligt? Wie erleben die Betroffenen diese Prozesse? Für diese Untersuchung verbringt das Forschungsteam einige Wochen in zwei Unternehmen und zwei Arbeitslosenprogrammen und führt Interviews mit Personalfachleuten, Sozialarbeitenden, Vorgesetzten, Angestellten und Arbeitslosen durch. Ausserdem wird einschlägige Fachliteratur aus Human Resources Management und Sozialarbeit analysiert.

Bedeutung
Der Vergleich von Wirtschafts- und sozialen Organisationen kann Parallelen und Unterschiede im Umgang mit Menschen aufzeigen, die Schwierigkeiten im Arbeitsmarkt haben. Human Resources Management und Sozialarbeit haben ihre je eigenen Methoden und Arbeitsweisen mit ihren besonderen Stärken und Schwächen entwickelt und können voneinander lernen. Einerseits verfügen die Fachleute für das Soziale über viel Wissen, wie man mit Menschen mit oft sehr komplexen psychosozialen Problemen umgehen, sie motivieren und zur Nutzung ihrer Ressourcen befähigen kann. Das ist auch für das Personalwesen von Interesse. Anderseits sind Integrationsprogramme angewiesen auf die Kenntnis der formellen und informellen Anforderungen der Wirtschaft an Arbeitskräfte.

Proposal no. 405140-69081

Bewilligtes Projekt CHF 240'058.-

Projektdauer 01.10.2003-30.04.2006

Prof. Eva Nadai
Fachhochschule Nordwestschweiz
Hochschule für Soziale Arbeit
Riggenbachstr. 16
4600 Olten
Tel. +41 (0)62 311 96 38
eva.nadai@fhnw.ch

Prof. Dr. Christoph Maeder
Pädagogische Hochschule Thurgau
Nationalstr. 19
8280 Kreuzlingen
Tel. +41 (0)71 678 56 45
christoph.maeder@phtg.ch

Prof. Thomas Samuel Eberle
Soziologisches Seminar
Universität St. Gallen
Tigerbergstrasse 2
9000 St. Gallen
Tel. +41 (0)71 224 28 17
Thomas.Eberle@unisg.ch

Publikationen

Leistung und Beschäftigungsfähigkeit.
Integration und Ausschluss in Wirtschaft und Sozialstaat
Kurzfassung

Short version final report [PDF]

Nadai, Eva, Auf Bewährung. Aktivierung in Sozialhilfe und Arbeitslosenversicherung, in: Sozialer Sinn, 2006, 7 (1), S. 61-77

Nadai, Eva und Christoph Maeder. 2008. Messen, klassieren, sortieren. "Leistung" und "Beschäftigungsfähigkeit" in Unternehmen und Arbeitslosenprogrammen, in: Kai Dröge, Kira Marrs und Wolfgang Menz (Hrsg.): Rückkehr der Leistungsfrage. Leistung in Arbeit, Unternehmen und Gesellschaft. Berlin: Edition Sigma, S. 177-195

Nadai, Eva and Christoph Maeder. 2007. Negotiations at All Points? Interaction and Organization [53 paragraphs]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 9 (1), Art. 32. http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-08/08-1-32-e.htm.

Nadai, Eva. 2007. Disempowerment? From regulating the poor to activating welfare, in: Clemens Sedmak, Thomas Böhler (Eds.): Perspectives in Poverty Alleviation (Reihe: Armutsforschung, Bd. 2) Münster-Hamburg-Berlin-Wien-London-Zürich: LIT Verlag, S. 237-249

Nadai, Eva. 2007. Simulierte Arbeitswelten. Integrationsprogramme für Erwerbslose, in: Baechtold, Andrea und Laura von Mandach (Hrsg.): Arbeitswelten. Integrationschancen und Ausschlussrisiken. Zürich: Seismo, S. 135 - 145.

Nadai, Eva. 2007. Cooling out. Zur Aussortierung von "Leistungsschwachen", in: Caroline Arni, Andrea Glauser, Charlotte Müller, Marianne Rychner und Peter Schallberger (Hrsg.): Der Eigensinn des Materials. Erkundungen in der sozialen Wirklichkeit, Frankfurt/Basel: Stroemfeld, S. 434-450.

Nadai, Eva. 2007. Wie Leistungsschwache stärken und Arbeitslose eingliedern?, in: Panorama. Fachzeitschrift für Berufsberatung, Berufsbildung, Arbeitsmarkt, 1: 31-32

Maeder, Christoph, Eva Nadai. 2007. Sonderfall und Sonderwissen. Die Durchsetzung globaler Managementmodelle in der Schweizer Arbeitswelt. In: Thomas S. Eberle & Kurt Imhof (Hrsg.): Sonderfall Schweiz. Zürich: Seismo, S. 252-262.

Nadai, Eva. 2006. Auf Bewährung. Armut und Arbeitslosigkeit im aktivierenden Staat., in: Sozialer Sinn. Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung, 7 (1), S. 61-77.

Nadai, Eva. 2005. Der kategorische Imperativ der Arbeit. Vom Armenhaus zur "aktivierenden" Sozialpolitik, in: Widerspruch, Heft 49, Prekäre Arbeitsgesellschaft, S. 19-27

Nadai, Eva and Maeder, Christoph. 2005, September. Fuzzy Fields. Multi-Sited Ethnography in Sociological Research [24 paragraphs]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 6(3), Art. 28. Available at: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-05/05-3-28-e.htm

Maeder, Christoph. 2004. "Die Durchsetzung des unternehmerischen Selbst und neue Formen sozialer Ausschliessung". S. 228-245 in: Woltron, Klaus; Hermann Knoflacher und Agnieska Rosik-Köbl, Hrsg.: Wege in den Postkapitalismus. Wien: Edition Selene

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