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Module und Projekte Neue Formen gesellschaftlicher Arbeitsteilung in der Schweiz? Eine soziologische Studie zur Beziehung zwischen sozialer Identität und dem Wandel in der Arbeitswelt Chantal Magnin Zusammenfassung der wichtigsten Resultate (Auszug aus dem Schlussbericht) In den 1990er Jahren kommt es in der Schweiz zu Umbrüchen in der Arbeitswelt. Aufgrund anhaltender Erwerbslosigkeit und der Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen bilden sich im Arbeitsmarkt neue gesellschaftliche Trennlinien zwischen denjenigen, die im Beruf Erfolg haben und ins Erwerbsleben stabil integriert sind, und jenen, die sich mir der drohenden Ausgrenzung aus dem Arbeitsmarkt konfrontiert sehen. Vor dem Hintergrund dieses tief greifenden Wandels stellt sich die Frage nach den Folgen für die Identität jener Lohnarbeitskräfte, die nunmehr prekär und unsicher beschäftigt sind. Ziel der vorliegenden qualitativen Forschung war es, die Bewältigungsstrategien von prekär Beschäftigten zu rekonstruieren. Die Ergebnisse beruhen auf der empirischen Basis von 64 nichtstandardisierten Interviews mit prekär Beschäftigten, ausgewählt aus einem Sample von insgesamt 92 geführten Gesprächen. Die interviewten 64 Personen sind ihre prekären Arbeitsverhältnisse nur deshalb eingegangen, weil sie damit die Hoffnung verknüpfen, ihre Lage auf dem Arbeitsmarkt langfristig verbessern zu können. Dies gilt auch für jene prekär Beschäftigten, die von den Sozialversicherungen oder Sozialhilfeleistungen ergänzend unterstützt werden, sowie auch für Jugendliche, die neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Vielen Frauen gelingt es aufgrund von Unterbeschäftigung nicht, ihre Existenz eigenständig zu bestreiten. Interessant festzustellen ist, dass junge Frauen durchwegs den Anspruch auf eine Sicherung ihrer Existenz durch Lohnarbeit und Berufstätigkeit geltend machen. Keine von ihnen kann davon ausgehen, dass es ihren künftigen Lebenspartnern gelingen wird, eine Familie und damit auch sie selbst ausreichend und kontinuierlich zu versorgen. Eine stabile Integration in den Arbeitsmarkt ist das Ziel aller der von uns befragten prekär Beschäftigten. Ihre Hoffnungen richten sich auf eine bessere Zukunft. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse zeichnen sich jedoch gerade dadurch aus, dass die Betroffenen aufgrund ihrer ökonomischen Abhängigkeit nicht über die Möglichkeiten verfügen, ihre eigene Lage zu verändern. Der Bezug von Sozialleistungen stellt für sie keine Alternative zur Lohnarbeit dar: Dieser wird als entwürdigend und die Handlungsautonomie einschränkend beschrieben. Diese Einschätzung ist der Grund, weshalb prekär Beschäftige alles daran setzen, im Arbeitsmarkt zu verbleiben. Wer subsidiär oder vorübergehend auf die Sozialhilfe oder Arbeitslosenversicherung angewiesen ist, bemüht sich ebenfalls um eine stabile Integration in den Arbeitsmarkt, nicht zuletzt auch deshalb, um dadurch erneut Unabhängigkeit gegenüber den sozialen Sicherungsystemen und den sie verwaltenden Behörden zu erlangen. Als längerfristig alternative Quellen zur Generierung eines Einkommens werden von ein paar wenigen Interviewten Schwarzarbeit oder Deliquenz erwähnt, falls sie ihre Existenz auf Dauer nicht mittels Lohnarbeit sichern könnten. Aus den auf ihre aktuelle Anstellungssituation bezogenen Argumentationsmustern werden Rückschlüsse auf die Wertvorstellungen der von uns interviewten prekär Beschäftigten möglich. Es wird deutlich, wie sie die Diskrepanz zwischen subjektiven Wünschen und objektiven Lebensbedingungen in ihrem Alltag zu bewältigen versuchen. Die von uns rekonstruierten Typen von Bewältigungsstrategien lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: Die erste Gruppe versucht, unter dem Druck der an sie gestellten Flexibilitätsanforderungen, die Ausgestaltung ihrer Arbeitsverhältnisse zu beeinflussen. Dies geschieht beispielsweise dadurch, indem sie häufig die Anstellung wechseln oder eine starke Bindung an hierarchisch höher gestellte Personen herstellen und diese in ihren personalpolitischen Entscheidungen zu beeinflussen suchen. Dabei werden im Bemühen, den Anforderungen um jeden Preis zu entsprechen, vielfach nicht zu unterschätzende gesundheitliche Risiken eingegangen. In dieselbe Kategorie lassen sich jene Beschäftigten fassen, die von Beschäftigungs- zu Auftragsverhältnissen wechseln und ihre Kompetenzen und Fähigkeiten zu günstigeren als marktüblichen Konditionen anbieten. Die zweite Gruppe prekär Beschäftigter zieht sich aufgrund der sich öffnenden Diskrepanz zwischen ihren Vorstellungen und ihrer tatsächlichen Lage allmählich aus dem öffentlichen und sozialen Leben zurück und besinnt sich dabei stark auf moralische Wertvorstellungen. So zum Beispiel jene Beschäftigen, die ihre Unzufriedenheit äussern, indem sie das Recht auf regulierte Lohnarbeit in einem gesicherten Beschäftigungsverhältnis einfordern, dies obwohl es dieses in der modernen kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung rein formell nie gegeben hat. Sie beziehen sich damit auf den informellen Pakt, den sich den Anforderungen des Erwerbslebens anpassenden Lohnarbeitskräften Teilhabe am Wohlstand verspricht. Diese Versprechen war Teil des sich in der Nachkriegszeit durchsetzenden sozialmarktwirtschaftlichen Modells. Dass die Gültigkeit dieses Paktes heute in Frage gestellt ist, zeigt nicht zuletzt die prekäre Beschäftigungssituation der fordernden Gruppe. Das Spektrum ihrer Bewältigungsstrategien reicht deshalb von Resignation bis hin zu offener Rebellion. Letzteres gilt auch für Jugendliche und junge Erwachsene dieser Gruppe, obwohl sie kaum Ansprüche auf Teilhabe durch Lohnarbeit erheben. Aufgrund ihres Misserfolgs am Arbeitsmarkt richten sie ihre Erwartungen vielmehr an die soziale Sicherungssysteme. Und: Sie sich ziehen sich in soziale Binnenräume zurück. Mit dem nicht vollzogenen Schritt in Richtung einer eigenständigen Lebensführung verlängert sich dabei das für die Jugendzeit typische Moratorium. Insgesamt ist diese zweite Gruppe von Beschäftigten aufgrund verletzter Gerechtigkeitsvorstellungen meist kaum mehr motiviert, im Arbeitsleben Leistungen zu erbringen. Viele haben ihrere frühere Loyalität zum Unternehmen innerlich längst aufgekündigt. Als typische Risiken der Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt lassen sich neben den übermässigen gesundheitlichen Belastungen weitere negative Folgen zusammenfassen: die Ausübung einer zur einstigen Qualifikation in keinem Bezug mehr stehende, letztlich beruflich disqualifizierende Tätigkeit, der Verlust sozialer Kontakte durch die alleinige Fixierung auf Erwerbs- und Berufsleben sowie die starke Anbindung an hierarchisch höher gestellte, jedoch gleichfalls austauschbare Personen. Spezifisch bei Jugendlichen zeichnen sich als negative Folgen ihrer prekären Beschäftigungssituation eine berunfliche Demotivierung wegen des versperrten Zugangs zum gewünschten Berufsfeld, fehlende formale Qualifikationsnachweise sowie die Verstetigung von Sozialhilfeabhängigkeit als Folge des Rückszugs auf soziale Binnenräume ab. Für die Minderung der am Einzelfall rekonstruierten typischen Ausgrenzungsrisiken wäre eine flexiblere Ausgestaltung der Zu- und Übergänge zwischen Arbeitsmarkt und Berufsbildung sinnvoll, dies nicht zuletzt angesichts der sich rasch ändernden Anforderungen des Arbeitsmarktes. Die bestehenden arbeitsmarktpolitischen Instrumente erweisen sich als zu sehr nur auf die unmittelbare Bekämpfung von Arbeitslosigkeit ausgerichtet. Die von sozialen Sicherungssystemen wie zum Beispiel der Arbeitslosenversicherung finanzierten Weiterbildungen haben aufgrund ihrer kurzen Dauer zumeist keinen anerkannten Bildungsabschluss zur Folge. Erste oder zweite Ausbildungen, die sich auf dem Arbeitsmarkt im Unterschied dazu tatsächlich verwerten lassen, sollten auch jenen Personen offen stehen, die nicht über die nötigen privaten Ressourcen verfügen. Gerade sie sind auf solche Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten angewiesen. In Bezug auf die gesundheitlichen Belastungen, die mit prekären Beschäftigungsverhältnissen einhergehen, stellt sich die Frage nach der Durchsetzungskraft arbeitsrechtlicher Bestimmungen zum Schutz der Gesundheit. So ergreifen die Arbeitskräfte die Handlungsmöglichkeiten, die ihnen das ihnen Gesetz bietet, aus Angst vor Stellenverlust nicht. Angesichts dessen wäre es sinnvoll, die Kompetenzen der kantonalen Arbeitsinspektorate, die für die Einhaltung dieser rechtlichen, doch nur ungenügend angewendeten Normen zuständig sind, zu überprüfen. Dies empfiehlt angesichts der Prekarisierung von Lohnarbeit nicht zuletzt auch die Internationale Arbeitsorganisation ILO. Auch könnte weiterführende Forschung mehr Aufschluss über diese Problematik geben. Abschliessend gilt es zu überlegen, ob aufgrund der geforderten Flexibilität und Mobilität der Arbeitskräfte die soziale Sicherung nicht teilweise vom Erwerbsstatus und vor allem von der Wohnortsgemeinde abzulösen und auf die Grundlage allein von universellen Rechtsansprüchen zu stellen wäre. Anstelle des lokal verankerten Sozialhilfeprinzips würde eine Grundsicherung gegen Erwerbsausfall treten, so beispielsweise auch in Phasen der Weiterbildung. Erst durch eine solche Grundsicherung würde ein konstruktiver Umgang mit erwerbsbiographischer Unsicherheit möglich. Zusätzliche Informationen zum Projekt Wiederholt arbeitslose und atypisch beschäftigte Personen befinden sich vielfach in einem Grenzbereich zwischen gesellschaftlicher Integration und Ausschluss. Ihre unsichere und prekäre Lebenssituation bildet den Gegenstand und Ausgangspunkt dieser Studie.
Hintergrund
Ziel und Vorgehen
Bedeutung Proposal no. 405140-69076 Bewilligtes Projekt CHF 281'248.- Projektdauer 01.09.2003-31.10.2006
Dr. Chantal Magnin Publikationen Prekäre Arbeit: viele Gesichter, verschiedene Strategien Magnin, Chantal (2008): Prekäre Erwerbsarbeit. Zu geschlechtsspezifischen Bewältigungsformen erwerbsbiographischer Unsicherheit. In: AEP Information. Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft 1 (35), Innsbruck, 15-20. Magnin Chantal u. Simone Suter (2007): Prekäre Beschäftigung und berufliche Deklassierung. Zwei mögliche Formen der Anpassung. In: Pascale Gazareth, Anne Juhasz, Chantal Magnin (Hg.): Neue soziale Ungleichheit in der Arbeitswelt. Konstanz, UVK, 193-224. Magnin, Chantal u. Viktor Moser (2007) Prekäre Arbeit: viele Gesichter, verschiedene Strategien. In: Panorama, 2, 2007. Fachzeitschrift für Berufsberatung, Berufsbildung, Arbeitsmarkt. Hg. v. Info-Partner Bildung und Arbeit 23-24. Suter, Simone (2006): Verschiedene Arten des Glücks - Der Übergang von der obligatorischen Schule ins Berufsbildungssystem. In: ph akzente Zürich, Nr. 3 2006, 12-15. Magnin, Chantal (2005), Prekäre Integration. Die Folgen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse, Reihe Soziologie, 73, Wien, IHS (www.ihs.at)
Magnin, Chantal (2005): Leben ohne Beschäftigung. In: ZeSo Zeitschrift für Sozialhilfe 102, 4. Hg. von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, 9.
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